Repariert, aber nicht geheilt: Was bleibt zurück?

Herz(ens)probleme


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Herzprobleme sind im Volksmund immer auch Herzensprobleme. Kaum ein anderes Organ wird so häufig mit dem Seelenleben in Verbindung gebracht, wie das menschliche Herz. Wir haben etwas auf dem Herzen, können jemanden ins Herz schließen, mit ihm ein Herz und eine Seele sein oder jemandem das Herz brechen: Dass das Herz schon seit jeher als Sitz der Seele und der Gefühle betrachtet wird, macht sich auch heute noch in unserem Sprachgebrauch bemerkbar. Es gilt als unumstritten, dass rasante Fortschritte in der Kardiologie Menschen mit angeborenen Herzfehlern (AHF) ein Überleben in früher noch aussichtlosen Situationen ermöglichen konnten. So erreichen heute mehr als 90 % aller Kinder mit AHF das Erwachsenenalter und derzeit leben mehr als 300 000 Erwachsene mit AHF (EMAH) in Deutschland. Dennoch ließ die rein naturwissenschaftliche Ausrichtung das Seelenleben vieler Betroffener lange außer Acht und eine professionelle oder gar routinemäßig angebotene Hilfe für Herzpatienten ist nachwievor eine Seltenheit. Die relativ junge Verbindungsdisziplin „Psychokardiologie“ hat sich deshalb auf den Weg gemacht, psychosomatische Zusammenhänge bei Menschen mit AHF zu erforschen, um das bisherige Krankheitsverständnis im Sinne eines holistischen Behandlungskonzepts auszudifferenzieren und EMAH ein maximales Maß an Lebensqualität zu ermöglichen. Der nachfolgende Artikel ist ein kleiner Beitrag zur Psychokardiologie und soll Sie, liebe Leser und Leserinnen, für die Wichtigkeit psychologischer Begleitmaßnahmen im Rahmen einer ganzheitlichen Herzmedizin sensibilisieren.


Krankes Herz, irritiertes Ich


Während manche Kinder lange unentdeckt mit leichteren AHF leben, erfordern komplexe Vitien oft frühe operative Eingriffe. Für die Mehrzahl der Betroffenen ist das Leben trotz einer gelungenen Operation mit dem Schicksal einer chronischen Herzerkrankung belastet. So hat die Mehrzahl der Patienten mit lebenslang bestehenden Rest- und Folgezuständen, sowie non-kardialen Komorbiditäten zu kämpfen, die weitere medizinische Eingriffe nach sich ziehen. Sie müssen sich in ein Leben einfinden, das von einer Odyssee an Arztbesuchen, medizinischen Notfällen und wiederholten Krankenhausaufenthalten geprägt ist. Zu den häufigsten emotionalen Folgen von AHF gehören Depressionen, Ängste vor dem Fortschreiten der Erkrankung, Gefühle von Autonomie- und Kontrollverlust, sowie von Hilf- und Hoffnungslosigkeit und Selbstwert- und Identitätsprobleme. Betroffenen Patienten fehlt oft ein basales Gefühl der Sicherheit und Normalität, welches eine grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung einer autonomen und selbstverantwortlichen Lebensführung und erfolgreichen Krankheitsbewältigung darstellt. Die in diesem Kontext vorgelegten epidemiologischen Studien belegen, dass das Risiko für die Entwicklung psychischer Auffälligkeiten bei EMAH im Vergleich zur Normalbevölkerung deutlich erhöht ist. Einzelne Studien berichten, dass etwa die Hälfte aller EMAH behandlungsbedürftige psychische Erkrankungen aufweisen (48%), ein Wert der deutlich über dem der Allgemeinbevölkerung (35%) liegt. Depressionen, Angststörungen und Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) sind bei EMAH alles andere als ein Einzelfall und führen nicht selten zu einem Teufelskreis, der eine aktive Teilnahme am privaten und beruflichen Leben stark beeinträchtigt. Psychische Belastungen bei EMAH lassen sich mit Hilfe verschiedener psychologischer Theorien erklären, die von frühen Kindheitstraumata, erschüttertem Urvertrauen bis hin zu neurologischen Veränderungen im Gehirn reichen.



Herz und Psyche: Ein verkannter prognostischer Marker


Nicht nur im Volksmund, sondern auch in der Medizin ist die enge Verbindung zwischen Herz und Psyche mittlerweile eine anerkannte Tatsache: Psychische Leiden und Herzkrankheiten bedingen sich oft wechselseitig. Während AHF eine Entwicklung psychischer Symptome auslösen oder verstärken, können sich umgekehrt anhaltende Sorgen, Ängste und Stress negativ auf den kardiovaskulären Krankheitsverlauf auswirken. Erste Langzeituntersuchungen bei anderen Herzerkrankungen belegen, dass Depressionen und Angststörungen mit einem deutlich schlechteren Krankheitsverlauf bis hin zu vorzeitiger Sterblichkeit korreliert sind. Auf welchen Mechanismen dieser Zusammenhang beruht, ist allerdings noch unklar. Bisher haben sich zwei Erklärungsmodelle herauskristallisiert: einerseits begünstigt psychischer Dauerstress gesundheitsschädigende Verhaltensweisen, wie Fehlernährung, Rauchen oder Bewegungsmangel. Betroffene können sich nur schwer dazu motivieren, ihren Lebensstil zu verändern und schreiben „herzgefährdenden“ Verhaltensweisen eine wohltuende Wirkung zu („Frustfressen“, „Schokolade als Seelentröster“). Nach neuesten Erkenntnissen sind vor allem Rauchen und körperliche Inaktivität für ein erhöhtes kardiales Risiko verantwortlich. Außerdem führt chronischer, psychischer Stress über eine vermehrte Bildung von Stresshormonen und komplexe neuropsychoimmunologische Mechanismen, zu einer erhöhten, entzündlichen Aktivität im Körper, was sich wiederum negativ auf die Herzgesundheit auswirkt. Basierend auf dieser Erkenntnis ist es denkbar, dass EMAH, die ihre psychischen Probleme ignorieren, einen ungünstigeren Krankheitsverlauf haben.

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